Interview mit Regisseur
und Textbuchautor
Benjamin Stoll

Benjamin Stoll entwickelte bereits 2013 als einer der vier Urheber des Pop-Oratoriums „ICH BIN“ das Textbuch und inszenierte die beiden Aufführungen in Dortmund und Hamburg. Bei der kommenden Aufführung in Leipzig am 17. Juni 2018 handelt es sich jedoch keineswegs um eine reine Wiederholung der damaligen Szenen und Rahmenhandlungen, denn das Werk erlebte eine Entwicklung. Was es mit diesen Veränderungen und deren Bedeutungen auf sich hat, beantwortete Benjamin Stoll in einem Interview mit der Radaktion.

Seit 2013 sind fünf Jahre vergangen, was hat sich beim Pop-Oratorium verändert?

Das Pop-Oratorium hat sich definitiv auf allen Ebenen qualitativ weiterentwickelt. 2013 hatten wir in sehr kurzer Zeit alles von Null auf Hundert bringen müssen. Jetzt hatten wir zum einen einen ausreichenden Vorlauf und zum anderen konnten wir das Bestehende prüfen und weiterentwickeln.

So wurde auch die Bühne überarbeitet. Wie kam es dazu?

Das Besondere an unserem Pop-Oratorium ist ja, dass wir einen sehr großen aber eben nur einen Gesamtchor haben, mit nur einem Dirigenten. Und weil Gerrit (der Dirigent und musikalische Leiter Gerrit Junge, Anm. d. Red.) damit noch unterfordert zu sein scheint (lacht), dirigiert er das ganze Orchester gleich noch mit. Also ist klar, dass wir das Orchester zwischen Chor und Dirigenten auf die Bühne positionieren müssen. 2013 wirkte dadurch aber die Spielbühne vor dem Orchesterbereich sehr flach und eindimensional, besonders, wenn man unten im Publikum saß. Das haben wir jetzt verbessert, indem wir einen richtigen Orchestergraben auf die Bühne gebaut haben, bei dem das Orchester zwar immer noch gut zu sehen ist, aber dadurch optisch von der Spielbühne getrennt bleibt.

Bei der Generalprobe in Göttingen hast du erzählt, dass sich die Wunder der einzelnen Szenen immer auch auf der Beziehungsebene abspielen. Was heißt das genau?

Ich glaube, dass es Jesus bei den Wundern nicht darum ging zu zeigen, was er tolles vollbringen kann. Wenn man zwischen den Zeilen liest, sieht man, wie die Folge der Wunder immer beziehungsstiftend war. Da, wo Menschen, verstockt, verbittert, frustriert, angewidert oder verängstigt waren, wurden anschließend Brücken geschlagen. Wenn Gott die Liebe ist, dann ist die Liebe nur in der Beziehung vollkommen. Ohne ein Gegenüber kann nicht geliebt werden. Das ist ja das Faszinierende an der Dreieinigkeit, dass Gott in sich selbst Beziehung führt und man nicht sagen kann, er sei abhängig vom Menschen. Dass er den Menschen liebt, ist Ausdruck seiner Liebe, nicht die Notwendigkeit. Und wenn wir als sein Ebenbild geschaffen wurden, dann sind wir eben Beziehungswesen. Nur leben wir in einer Welt, die uns dazu zwingt, uns durch Abschottung, Angriff oder Verteidigung zu schützen. Im Grunde ist das die reine Angst, verletzt zu werden. Und in diese Ängstlichkeit hinein verändert der Heilige Geist die Herzen der Menschen und sie fangen wieder an, aufeinander zuzugehen.

Wie setzt du das konkret in der Inszenierung um?

Bei den Szenen rund um die Wunderwirken schlüpfen die Solisten alle in klar ausgearbeitete Rollen und Figuren. Jede hat ihre eigene Geschichte. Und wenn das Wunder einsetzt, dann beeinflusst das jede Figur auf ihre Weise. Mal gewaltig, mal nur hauchzart, mal sofort oder erst viel später. 

Die aufwendigste Szene ist gleich die erste mit der Hochzeitsgesellschaft. Was hat es mit dieser Szene auf sich?

Die Hochzeitsszene ist sehr komplex. Sie gleicht eher einem Wimmelbild. An allen Ecken und Enden gibt es Szenen und Situationen, für die man das Pop-Oratorium eigentlich mehrmals sehen müsste, um alles zu entdecken. Die Brautmutter kann den Bräutigam nicht ausstehen, der Brautvater will alles ordentlich und korrekt, der Trauzeuge hat alles akribisch vorbereitet und organisiert. Die Braut will den schönsten Tag in ihrem Leben. Die Freundin der Braut sehnt sich selbst nach einem Partner und schiebt puren Frust. Kurz: Die Hochzeitsgesellschaft fährt den Karren an die Wand, weil Perfektionismus, Arroganz und Stolz die Leute hindern, den Tag zu feiern und zu genießen. 

Und in diese Situation hinein vollbringt Jesus sein erstes Wunder?

Ganz genau. Er verwandelt Wasser in Wein und befreit die Leute von ihrer Befangenheit. Am Ende steht sogar ein Heiratsantrag für unsere frustrierte Brautfreundin. 

Die weitere Auswirkung erleben wir jetzt in der darauffolgenden Szene, die ihr ganz neu inszeniert habt?

Richtig. In 2.8 („Fest mit Gott verbunden“, Anm. d. Red.) haben wir ja eine Szene, die aus dem Rahmen fällt. Kein ICH-BIN-Wort, kein Johannesevangelium. Sondern Paulus im Brief an die Galater. An der haben wir viel rumgebastelt und probiert. In Dortmund war sie ganz anders als in Hamburg und am Ende hatte trotzdem keiner so richtig was mit ihr anfangen können. Jetzt haben wir die Hochzeitsgesellschaft ein Jahr später. Das Brautpaar hat ein Baby bekommen und lädt zum Grillfest ein. Alle kommen in gelöster und herzlicher Atmosphäre. Der inzwischen gesellige Brautvater entpuppt sich als wahrer Grillmeister und Schwiegermutter und Ehemann singen versöhnt im Duett.

Wie wirkt sich das in den anderen Szenen aus?

Da ist es nicht immer so komplex, aber im Grunde passiert genau das Gleiche. Wie zum Beispiel beim Kranken am Teich Bethesda, der anfangs wie auf dem Abstellgleis von dem anderen Kranken und den vorbeikommenden Waschfrauen gemieden wird. Oder die beiden Tratschtanten im Ort von Lazarus, die mit ihrer gehässigen Art das ganze Dorf im Griff haben und jeden klein halten. So bricht in jedem Wunder-Bild an einer Stelle das Eis, und wenn es vereinzelt nur ein wenig bröckelt.

Jetzt haben wir bisher nur über die Gesangszenen gesprochen, was hat sich denn bei der Rahmengeschichte in den fünf Jahren getan?

Bei der Rahmengeschichte hat sich meiner Meinung am meisten verändert. Im Kern ist sie zwar gleich geblieben. Es sind immer noch Lars, Jana und Heiko, die nachts das aufwendige Sicherheitssystem im Museum knacken, um ein wertvolles Gemälde zu stehlen und dabei auf diese Bilderreihe der ICH-BIN-Bilder stoßen. Da das Sicherheitssystem am Ausgang zeitgesteuert ist und sie erst rauskommen können, wenn der Wachmann seine zweite Runde macht, beschäftigt sich Lars in der Zwischenzeit mit Hilfe eines Audio-Guides mit den ICH-BIN-Bildern, die multimedial vor seinen Augen erläutert und illustriert werden. 2013 ging es in erster Linie darum, in Kürze aus dem Gerüst der Lieder und ICH-BIN-Stationen einen verbindenden Rahmen zu schaffen, der den Zuschauer abholt und in die Geschichte mit hinein nimmt. Jetzt konnten wir auch hier die Geschichte und Figuren weiterentwickeln. Es gibt keinen Unfall mehr als Konflikt von außen ohne wünschenswerte nähere Details. Der Konflikt spielt sich diesmal ausschließlich in der Beziehung der drei zueinander ab. Sie sitzen im Museum fest, da das Sicherheitssystem nicht, wie erwartet, den Plänen entspricht, anhand derer sie den Einbruch akribisch geplant haben. Jana erfährt erst im Museum, dass das alles gar kein Spiel ist, sondern Ernst. Heiko merkt, dass seine Freundin ihr Vertrauen in ihn verloren hat. Und Lars merkt immer mehr, wie Heiko ihn klein hält und nur für seine eigenen Interessen benutzt. Alle drei, aber insbesondere Lars, erleben die ICH-BIN-Bilder wie eine hologrammartige Multimedia-Show und die Geschichte, „dieses Jesus“ hinterlässt Spuren in ihrem Leben.

Worauf freust du dich denn jetzt am meisten?

Am meisten freue ich mich auf das Zusammenspiel aller Akteure. Wir konnten diesmal früh genug alle mit ins Boot holen. Ob das bei den Regionalchorproben war, in Stendal bei der Solistenprobe mit dem Orchester oder in Göttingen als Schauspiel, Gesang, Band, Orchester und Chor vier Tage lang zusammenkamen. Es ist eine ganz andere Energie, wenn sich alle aufeinander einlassen und zum großen Ganzen verschmelzen. Ich krieg jetzt schon Gänsehaut, wenn ich nur dran denke!

Das Interview führte Jennifer Jendral.